Eines der größten Probleme, die wir in der Gesundheitsbranche haben – vor allem bei chronischen Schmerzen am Bewegungsapparat – ist die Überdiagnostik und die vermittelte trügerische Sicherheit derjenigen, die Diagnosen stellen.
Wir reden hier nicht über akute Traumata nach Unfällen, sondern über Schmerzen, die ohne traumatisches Ereignis auftreten oder sich wesentlich länger halten, als es der Heilungsverlauf eigentlich vorsehen würde.
Zum Beispiel sind viele unserer physiotherapeutischen Tests, mit denen wir die schmerzende Struktur durch Provokation herausfinden wollen, weniger spezifisch und präzise, als dem Patienten (oder auch dem Therapeuten) bewusst ist.
Schmerzen lassen sich leider nicht immer eindeutig zuordnen – und schon gar nicht, wenn ich einen Patienten gerade zum ersten Mal sehe und noch nichts über ihn weiß.
Und so ist das häufig in der Praxis: Da sind 10, 20 oder 30 Minuten oft viel zu wenig, um einen Menschen wirklich zu verstehen und seine Situation ganzheitlich zu erfassen.
Hippokrates sagte einmal:
„Es ist wichtiger zu wissen, welcher Mensch eine Krankheit hat,
als welche Krankheit ein Mensch hat.“
Damit meinte er, dass viele Krankheiten Symptome sind – und nicht die Ursache.
Bluthochdruck, Herzinfarkt, Krebs, Schilddrüsenfehlfunktionen, Autoimmunerkrankungen, Reizdarm, Tinnitus usw.
Alles Symptome, keine Ursachen.
Viele Diagnosen des Gesundheitspersonals, die durch Abtasten, Muskeltests oder Statikanalysen gestellt werden, stehen wissenschaftlich auf sehr wackeligen Füßen.
Manchmal sitzen sie im Rollstuhl – manchmal sind sie eigentlich schon tot.
Aber es dauert lange, bis neue Erkenntnisse ins Ausbildungs-Curriculum gelangen, und noch länger, bis alte Überzeugungen wirklich verschwinden.
Eine dieser Überzeugungen, die fest in den Köpfen von Physios, Ärzten und Traineren sitzen, ist die korrekte Form beim Training.
Eine gute Form, ein gerader Rücken beim Training – das scheint allgemeine Gültigkeit zu haben.
Deadliften und Dinge vom Boden aufheben müssen mit geradem Rücken passieren, sonst haut es dir die Bandscheiben raus.
So ist der allgemeine Tenor, oder?
Und wehe, jemand hebt etwas mit krummem Rücken auf – dann steht die Formpolice schon auf der Matte und warnt eindringlich:
„Gleich kannst du da hinten in der Ecke deine Bandscheiben aufsammeln.“
Nun: Was allgemeine Gültigkeit zu haben scheint, ist prädestiniert dafür, hinterfragt zu werden.
Also lass uns das tun.
Es gibt zwei Lager:
Lager 1:
Saubere Technik ist super wichtig und minimiert Verletzungen und Verschleiß.
Lager 2:
Ein gerader Rücken beim Kreuzheben wird überbewertet Der Körper ist superintelligent und sucht sich schon den effizientesten Weg. Das ist nicht gefährlich – sondern ganz natürlich.